Tachymeter-Theodolit Theo 030

Tachymeter-Theodolit Theo 030

 

Beschreibung

Tachymeter-Theodolit Theo 030 „ERNST ABBE JENA“ – Seriennummer 96907

Hier kann ich Ihnen glücklicherweise ein sehr seltenes Exemplar vorstellen! Nämlich einen Theodoliten mit dem Warenzeichen „ERNST ABBE JENA“.

Warum dies ein so seltenes Exemplar ist und was es mit diesem ungewöhnlichen Warenzeichen auf sich hat, möchte ich im Folgenden versuchen zu erläutern.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden am 24. Juni 1945 durch amerikanische Soldaten 126 leitende Angestellte der optischen Werkstätte Carl Zeiss und des Glaswerkes Schott und Genossen samt ihren Familien aus Jena in das württembergische Städtchen Heidenheim an der Brenz gebracht. Diese gründeten am 1. August 1946 im benachbarten Oberkochen in einem leerstehenden Flugzeugwerk mit einem Stammkapital von einer Million Reichsmark die Opton GmbH. Am 10. März 1947 erhielt diese GmbH den Namen Zeiss-Opton.

Am 22. Oktober 1946 griffen sich in Jena die Sowjets 288 verbliebene Spezialisten der Zeiss- und der Glaswerke, die nach Osten reisen mussten. Diese fanden sich nach wochenlanger Güterzugfahrt bei Leningrad, im Ural, in der Nähe von Moskau und bei Kiew wieder. In der Sowjetunion sollten sie das wieder aufbauen, was die in Jena verbliebenen 12000 Zeiss- und Schott-Stammarbeiter inzwischen demontiert hatten: 94 % der Jenaer Zeiss- und Schottwerke.

In Jena aber wurden nach der Demontage die Optisch-Mechanischen Werke Zeiss und das Glaswerk Schott & Genossen wieder aufgebaut. Diese wurden dann enteignet und am 30. November 1948 im Jenaer Handesregister als Volkseigene Betriebe (VEB) neu eingetragen.

Anfangs funktionierte die Zusammenarbeit zwischen Jena und Oberkochen ganz gut. Jena sollte an die Oberkochener zum weiteren Vertrieb all das liefern, was diese selbst noch nicht oder überhaupt nicht herstellen konnten.

Oberkochen hatte vorläufig nichts dagegen, wenn Jena seine Produkte ebenfalls mit „ZEISS“ gravierte und Jena war es recht, wenn Oberkochen die Ost-Zeichen in den Westen brachte.

Am 12. Februar 1954 jedoch teilte Oberkochen dem DIA (Deutscher Innen- und Außenhandel, dieser hatte den gesamten Vertrieb der Jenaer Erzeugnisse übernommen, Sitz in Ost-Berlin) mit, daß man nun gegen „jede rechtswidrige Fremdbenutzung“ des Namens ZEISS durch die Jenaer Betriebe vorzugehen trachte.

Danach folgte ein mehrjähriger Rechtstreit, dessen Kern die Frage war, wo der Sitz der Zeiss-Stiftung (Jena oder Heidenheim) sei und welche Warenzeichen wer verwenden darf.

Praktisch bekamen diesen Streit vor allem die Generalvertreter von Zeiss-Jena im Westen, wie zum Beispiel Werner Jähnert in Göttingen in Form von einstweiligen Verfügungen zu spüren.

Eine Maßnahme der Jenaer, diesen Streit um des Warenzeichen „CARL ZEISS JENA“ zu umgehen, war die Entscheidung, die Instrumente / Geräte – in diesem Fall hier mein Theo 030 – mit dem Warenzeichen „ERNST ABBE JENA“ zu gravieren. So versandte Jena zum Beispiel am 3. November 1954 an zahlreiche Optiker in der BRD ein Rundschreiben, dass im Kopf auf der rechten Seite das neue Zeichen in gleicher Schreibweise, jedoch unter Fortlassung der oberen Umrandung des Linsenzeichens zeigte.

Quellen: Spiegel Nr. 23 von 1955, Seite 12 bis 16; Urteil des BGH vom 06.02.1959, Az: BGH-06021959-I-ZR-50-57 sowie das Zeiss-Archiv in Jena

Dieses Zeichen wurde einige Monate lang verwendet. Somit dürfte der hier präsentierte Theo 030 aus dem Jahre 1954 oder 1955 stammen.

Sehr gut lässt sich die Änderung der Namenszeichen an den folgenden Bildern verfolgen:

Ein Nivelliergerät Ni 060 aus meiner Sammlung mit der Seriennummer 96505, also kurz vor meinem hier vorgestellten Theo 030 produziert und ausgeliefert von einem Optiker Reinecke aus Hannover laut Aufkleber im Deckel der Transportkiste

wurde so präpariert, dass zum Beispiel im Schild des Inhaltsverzeichnisses, ebenfalls im Deckel der Transportkiste, einfach der obere Bereich abgeschnitten wurde, um den Namenszug „CARL ZEISS“ oder „ERNST ABBE“ nicht zu zeigen:

Auf dem Instrument selbst ist folgendes Warenzeichen erkennbar:

Auch hier wurde der Namenszug „CARL ZEISS“ bzw. „ERNST ABBE“ einfach weg gelassen.

Dann folgen die wahrscheinlich wenigen Instrumente mit dem Warenzeichen „ERNST ABBE JENA“, wie auf meinem hier vorgestellten Theo 030 mit der Seriennummer 96907:

Schließlich habe ich dann einen Theo 030 mit der Seriennummer 97426 in meiner Sammlung (zur Ersatzteilgewinnung) mit folgendem Warenzeichen:

Dieses wurde offensichtlich für die Instrumente verwendet, die nicht in die BRD geliefert wurden. Denn dieser Theo 030 wurde mit einer Spezialbeleuchtung an die NVA (Nationale Volksarmee) der DDR ausgeliefert.

 

Jetzt möchte ich aber endlich meinen Theo 030 präsentieren, welcher sich in einem hervorragenden technischen wie auch optischen Zustand befindet. Er wurde höchstwahrscheinlich nur sehr selten benutzt. Erworben habe ich ihn in einem Ort nahe Oberkochen. Das passt zur Annahme, dass dieser Theodolit ursprünglich über einen Handelsvertreter in der ehemaligen BRD ausgeliefert worden ist.